
Wenn man den Satz, „Widerstand sei bloß eine kurzzeitige Gnade“, den
sich Monika Michalko als Titel für ihre Ausstellung in der Galerie Kages
GOLD vom Schweizer Dichter, Musiker und Performer Balz Isler leiht
nachgeht, tun sich unmittelbar zwei Fragen auf und schließen sich ein
paar Gedanken an: Widerstand gegen wen und / oder was genau? Und wer
gewährt diese Gnade, bitte?
Widerstand ist eine direkte Aktion. Mensch widersteht aktiv, als
Disziplin (ich widerstehe dem Verlangen mehr Schokolade zu futtern) oder
als Handlung (ich stelle mich den Faschisten auf der Straße in den Weg).
Widerstand ist also mehr als eine Haltung.
Gnade dagegen wird einer gewährt. Das impliziert, dass die Gnade
gewährende Instanz über dem Subjekt steht, dem diese Gunst zugutekommt.
Das Subjekt ist gnädiger Empfänger der Gnade und hat selber keinen
Einfluss auf sie. Göttinnen und Götter oder aus dem Amt scheidende
amerikanische Präsidenten können Gnade gewähren. Oder Damen am
mittelalterlichen Hofe, die der Minne hold sind und den singenden Werber
erhören.
In dem Kontext dieser Ausstellung liegt der Gedanke nahe, dass die
Künstlerin Widerstand als Teil ihrer Kunst selbst begreift. Dies mag
erst einmal paradox anmuten, denn in den Motiven von Michalkos Malerei
tauchen keine Straßenkämpferinnen, keine Waffen und keine
Gewalthandlungen auf. Überhaupt: selten Menschen, kaum Personal.
Vielmehr: Botanik, Räume, Möbel, Häuser, Landschaften; wird das
Figürliche in abstrakteren Kompositionen angeordnet.
Das Widerständige in Michalkos Kunst zeigt sich nicht in ihren Motiven.
Es entspringt ihrer Praxis. Das beginnt schon in der Produktion.
Dialektisch gefangen zwischen dem Kunstmarkt einerseits, von dem sie
notwendigerweise lebt und der Maxime der feien Kunst andererseits – die
sich von Natur aus weigert, zu reproduzieren, nur weil etwas bereits
Etabliertes erfolgreich ist – nimmt und ertrotzt sich die Künstlerin die
Freiheit ihrem Spieltrieb zu folgen, mit verschiedenen Materialien die
über die klassische Leinwand hinausgehen zu experimentieren und
Environments zu schaffen, die aus den gemalten Bildern heraus zu wuchern
scheinen. „Sich an jedem Ort mit jedem Material austoben zu können“,
nennt sie das. „Ich mag das Textile und was es mit einem Raum macht.“
Der Angst vor dem leeren Raum, dem horror vacui begegnet sie in ihrer
Bild- und Raumgestaltung durch alles füllende Ausspreizungen –
mäandernde Rhizome.
Das Rhizomatische spiegelt sich auch in ihrer sozialen Praxis. Die
Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen, die Gruppenausstellung, das
gemeinsame Schaffen und Leben setzt sie gegen die romantisierte
Vereinzelung, die Inszenierung des großen Egos, die Feier des Genies.
„Ich habe einen Sinn für Offenheit und Verbundenheit mit anderen
Menschen. Ich mag es, für neue Erfahrungen aufgeschlossen zu sein und
habe ein in vielen Jahren aufgebautes soziales Netzwerk, das mir hilft,
indem wir uns alle gegenseitig in verschiedenen Lebenssituationen
beistehen. Beim Malen spiegelt sich dieses Lebensgefühl wider.“ Adorno
schrieb davon, dass es kein Richtiges im Falschen gäbe. Michalkos
Festhalten an einer sozialen Praxis bei gleichzeitiger Behauptung am
sehr individuell geprägten Kunstmarkt entspricht dieser Dialektik der
Aufklärung.
Es mag erstaunen, aber im Atelier hört die Malerin, die ihre durchaus
als surreal verstanden (Traum)welten auf die Leinwand und auf Papier
bringt, politische Podcasts, Debattenübertragungen aus dem Parlament,
sprich: zieht sich die harte politische Gegenwart rein, während sie mit
Pinseln und Stiften ihr Innerstes hervorbringt. Die malerische Praxis
ist so direkter Widerstand gegen die Härten der da draußen wirkenden
Welt. Die Zartheit, das Verträumte, auch das Magische das sich in Monika
Michalkos Bildern ausdrückt, ist kein Eskapismus, keine Weltflucht,
sondern Reaktion auf die Welt, die Michalkos safe space, ihr Studio und
Zuhause umgibt.
Und das bringt uns zur Gnade. Die Zeit, in der die Kunst entsteht, ist
eine gnädige, denn sie schirmt Monika Michalko während des Schaffens von
den Härten und Zumutungen der Gegenwart ab. Ein magischer Schirm, eine
schimmernde Bubble wie im Comic, die sie umgibt. Ein Kraftfeld, das vor
negativer Schwingung schützt. Nicht die Zeit gewährt diese Gnade, denn
die Zeit ist in ihrer Unerbittlichkeit während des Schaffensprozesses
für den Moment gestoppt. Die Kunst selbst, der kreativ sich selbst
verwirklichende Mensch gewährt sich die Gnade, ist eine Strategie der
Selbstermächtigung.
„Beim Malen denk ich am liebsten gar nicht nach“, Michalko macht. Ihre
Malerei legt sie nicht als Narration an. Sie versucht nicht eine
Geschichte zu erzählen und vorzugeben. Und dennoch sind da Stories drin,
evozieren ihre Bildwelten Geschichten bei den Betrachtenden, die in
ihren Landschaften spazieren gehen können. „Perspektivisch stimmt bei
mir sowohl drinnen als auch draußen eh nichts. Sowohl in meinen gemalten
Zimmern und Innenräumen, als auch in den Landschaften sind keine
menschlichen Figuren zu sehen. Und wenn welche auftauchen, dann male ich
sie schemenhaft oder abstrahiert.“ So können Betrachtenden zwischen den
einzelnen Motiven blickend frei Assoziieren und eine direkte Verbindung
zwischen der Bildwelt Michalkos und ihrem eigenen Inneren schaffen.
Gerade wegen dieser sich dem Eindeutigen entziehenden Bildsprache
resoniert ihre Kunst beim Rezipienten, wie der nicht gespielt Ton eines
Musikers eventuell einen Ton in der Vorstellungswelt der Hörerin
anschlägt.
Monika Michalko sieht alles nur formal und hat explizit gar kein
Konzept. (Wobei das streng genommen ja auch wieder ein Konzept ist).
Beim Malen kommt sie in einen Tunnel und folgt ihrer Intuition, wie eine
solierende Jazzmusikerin das tut: geschult von Übung, Studium und
Erfahrung, aber im Moment der Handlung, der Ausführung all dies
loslassend und dadurch dem Inneren Ausdruck gebend (und das Äußerste
transzendierend). „Andere meditieren, ich male.“ Temporary grace – die
Gnade des Moments, nur für den Moment gewährt, endet wenn man aus der
Kunst wieder rausgeht und die Welt wieder da ist. Und da ist die
Künstlerin natürlich in einer steinharten Welt.
„Ich bin ein bisschen abergläubisch und denke, dass die Fantasiewelten,
die wir erschaffen, unsere Leben wirklich beeinflussen können.“ Und
weiter: „Es ist die Aufgabe von Künstlerinnen, alternative Welten zu
erschaffen. Deshalb findet sich in meiner Kunstwelt kaum Gewalt und
Düsterkeit, denn davon gibt es schon viel zu viel in der wirklichen
Welt! Wir schaffen diese bunte andere Welt, laden Menschen in sie ein
und hoffen, dass sie etwas von diesen Schwingungen mitnehmen und sie da
draußen verbreiten.“
Und so schwappt im Idealfall die Gnade des Moments in die Zeit hinüber,
fällt vom Bild in die Welt. Auch wenn jeder Zauber endet: Das Kunstwerk
bleibt. Und lädt immer wieder zum Spaziergang, zum Besinnen und
Erfrischen ein. Und zum Widerstehen.
Jan Kage, Oktober 2026
