Neulich kam ich dankbarerweise endlich dazu, sie einem direkt Betroffenen vortragen zu können. Ich unterhielt mich gerade mit Karin auf dem Konzert von Chali 2na und F. Stokes im Bohannon, als ein 20jähriger an uns vorbeilief und sich einmischte.
»Super, dann bist du wahrscheinlich auch dafür!«
»Klar, bin ich dafür, dass die den Abriss stoppen!«
»Stoppen? Was kann man denn gegen einen Bahnhof haben?« Schnapp. Die Falle ist zu.
»Dagegen? Ich sag dir, was man dagegen haben kann!« Der junge Mann brachte sich mit dem engagierten Ernst der entflammten Jugend in unsere Unterhaltung ein, während sich um Karins und meine Augenwinkel eine ironische Verschmitztheit zeichnete. Jetzt nicht zu schnell nach vorne polemisieren. Erst mal ihn kommen lassen. Ich trank vom Vodka-Mule, während er mir vom Grundwasserspiegel und dem schönen Schlosspark erzählte.
»Kann ja alles sein. Aber was sind denn das für Leute, die sich da mit 60 Jahren vor die Kameras stellen und sich vor lauter Stolz auf die Brust klopfen, weil sie zum ersten Mal demonstrieren. Da kann man doch nur vielen Dank für ihren bisherigen Beitrag zur partizipativen Demokratie sagen.«
Der Junge redete unbeirrt weiter. Da seien alle Altersgruppen vertreten und so, ohne auf das eigentliche Argument einzugehen.
»Ich glaube ja, das sind alles nur die Leute, die in Sindelfingen bei Audi und Mercedes arbeiten, sich in Zeiten der Klimakatastrophe die Fahrt dahin durch die Pendlerpauschale bezahlen lassen und einfach nur die gute Deutsche Bahn dissen wollen!«
»Die regieren über unsere Köpfe hinweg«, schrie mich der Stuttgarter an.
Es half. Er sprach jetzt etwas ruhiger, nur um dann gleich wieder ins Crescendo zu verfallen. Man wolle doch nicht zehn Jahre lang mit einer Baustelle in der Stadt leben.
»Ja, aber stell dir mal vor«, sagte er, und man merkte, jetzt kommt ein Mörderargument, »stell dir mal vor, die schließen hier den Bahnhof Zoo und bauen irgendwo einen neuen Bahnhof!« Er wartete stolz auf unsere Reaktion.
Karin und ich guckten uns ungläubig an und lachten los: »Schon längst passiert, Alter! Ist super: Hauptbahnhof! Shoppingparadies und so!« Er musste ja nicht die ganze Wahrheit erfahren.
»Mein Vater ist bei der Polizei und der…«
»Was, dann hat der dem alten Mann das Auge augeschossen?«
»Na, bestimmt nicht«, schrie er, aber das war okay, weil meine Frage natürlich ungerecht war. Ich hatte sie halt bloß in meiner polemisch-euphorischen Stimmung nicht unterdrücken können.
»Da wird jetzt über zehn Jahre eine Baustelle in der Innenstadt sein und die Straßenbahn braucht eine Viertelstunde länger, weil sie einen Umweg fahren muss!« Er brüllte wieder.
»Was?« Lil’ Wayne Style. »Ich kann dich nicht verstehen!«
Sofort senkte er seine Stimme, nur um mit dem nächsten Halbsatz die Kadenz wieder anzuheben.
»Und ich darf mit meinem VW Bus nicht in die Stadt fahren, weil ich keine grüne Plakette habe…«
»Das ist ja auch richtig so! Wieso nimmst du nicht die Straßenbahn?«
»Tu ich ja auch. Aber wenn ich mit dem Wagen fahr’, darf ich nicht rein, weil’s ‘n Diesel ist. Nur die Bagger die den Bahnhof abreißen, die dürfen!« Er war sichtlich empört, ob dieser Ungerechtigkeit.
»Ja, aber was ist denn die Alternative?«
»Ich sag dir, was die Alternative ist!«
»Wie bitte?« Aus vollem Hals. Ich grinste selber.
»Ich sag dir, was die Alternative ist…«
»Nee, ich mein’, gibt es Bagger, die den Job mit Elektromotor machen könnten?«
»Die sollen den gar nicht abreißen, den Bahnhof!«
»And we’ like different minds workin off the same brain
Passengers on different cars steppin off the same train
In the end, makin it right’s the main aim
Different parts of the picture highlight the same frame.«
Word.

