Die Ausstellung präsentiert textile Arbeiten von Simon Mullan und vereint diese unter einem bewusst gesetzten, programmatischen Titel: SUKZESS . Sowohl Ausstellung als auch Werkserie tragen diesen Namen – ein Begriff, der als Setzung verstanden werden muss. Der Titel folgt einer inneren Logik: Wenn der Künstler nicht an den eigenen Erfolg glaubt, warum sollten es andere tun? In diesem Sinne fungiert SUKZESS zugleich als Behauptung, als Strategie und als stets fragile Selbstvergewisserung.
Mullans künstlerische Praxis kreist seit längerem um die Übersetzung sozialer Codes und Subkulturen in textile Formen. Frühere Arbeiten griffen auf Materialien wie Arbeitsoveralls oder Alpha Bomberjacken zurück – Textilien, die eng mit bestimmten Berufen, Milieus, Rollenbildern und kollektiven Identitäten verknüpft sind. In der aktuellen Serie verschiebt sich dieser Fokus hin zu einem neuen, ebenso stark codierten Feld: dem der ökonomischen Repräsentation und des bürgerlichen Erfolgs in Form des Anzugs.
Die verwendeten Stoffe – feinste Schurwollen, darunter Superfine Australian Wool, Cashmere sowie Merinowolle aus Italien – sind klassische Materialien der Businesskleidung. Sie stehen für Status, Distinktion und die visuelle Sprache wirtschaftlicher Macht. Indem Mullan diese Stoffe aus ihrem funktionalen Kontext löst und in minimalistische textile Arbeiten überführt, entstehen Spannungsfelder zwischen Oberfläche und Bedeutung, zwischen Repräsentation und Dekonstruktion.
Der Ursprung der Materialien ist dabei ebenso zufällig wie konzeptuell aufgeladen: Während eines Aufenthalts in Seoul stieß Mullan in einer Bar auf mehrere hochwertige Anzüge, die dort dekorativ ausgestellt waren. Der Ort war zuvor über Jahre hinweg eine Schneiderei gewesen. Auch hier hatte also schon ein Transfer stattgefunden. Aus den dort verbliebenen Stoffbeständen – Relikte des ehemaligen Produktionsortes – erwarb der Künstler mehrere Rollen feinster Wolle. Diese beinahe beiläufige, von einem nächtlichen Moment geprägte Begegnung bildet den Ausgangspunkt der Serie und verweist zugleich auf Fragen von Wertzirkulation, Transformation und Aneignung.
Die formale Struktur der Werkserie SUKZESS folgt einem präzisen, datenbasierten System. Die Kompositionen der zusammengenähten Stoffflächen orientieren sich an den Verläufen globaler Börsenindizes der letzten 28 Tage, sowie an Mullans eigener Position innerhalb des internationalen Kunstsystems, basierend auf Daten zur Sichtbarkeit und Rezeption. Diese immateriellen Dynamiken werden in textile Oberflächen übersetzt und materialisieren sich in reduzierten, nahezu asketischen Kompositionen. Das Ökonomische wird hier nicht abgebildet, sondern strukturell eingeschrieben.
Zugleich eröffnet SUKZESS eine weiterführende Fragestellung, die Mullans Praxis seit langem begleitet: Ist Kunst Beruf oder Berufung? Diese Frage gewinnt zusätzliche Schärfe durch die biografische Verortung des Künstlers. Mullan arbeitet parallel zur Kunst als Elektrotechniker und bewegt sich damit zwischen Baustelle und Kunstbetrieb, zwischen Arbeiterklasse und kultureller Elite. Diese doppelte Existenz ist kein bloßer Hintergrund, sondern integraler Bestandteil der Arbeit.
In diesem Spannungsfeld formuliert sich ein existenzieller Ernst: das Überleben als Mensch, der seinen Lebensunterhalt verdient einerseits und das Überleben als Künstler andererseits. Mullan versteht diese beiden Ebenen nicht als voneinander getrennt, sondern als unauflöslich miteinander verwoben. In diesem Zusammenhang gewinnt sowohl der Begriff des „Verwobenen“ – die Existenz in zwei Berufsfeldern wird durch den gewebten Stoff repräsentiert – als auch der des „Überlebenskünstlers“ eine doppelte Bedeutung – als ironisches Spiel mit einer geläufigen Redewendung und zugleich als präzise Beschreibung einer gelebten Realität.
SUKZESS verdichtet materielle Qualität, persönliche Erfahrung und systemische Reflexion zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Wert, Sichtbarkeit und Selbstbehauptung. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Minimalismus und Narration, zwischen Oberfläche und Struktur – und verhandeln dabei die Bedingungen von Erfolg in einem Feld, das ebenso sehr von Symbolik wie von ökonomischen Mechanismen geprägt ist.