Yaneqdoten: SSSSt!

Yaneq erzählt von den Gepflogenheiten und wenig geschäftsfördernden Gebaren Kreuzberger Grasdealer und über einen Gast aus Baltimore, der zum ersten Mal außerhalb der USA weilt und sich mitunter in der Zeit zurückversetzt fühlt.

 

»Nigger, they be dealing weed out in broad daylight like it’s Prospect Park in the eighties«, rief Truth, der Rastamann aus Baltimore fassungslos, als wir aus dem Görlitzer Park kamen. Truth war der Merchandizer von Busy B und ich ihr Tourmanager – 25 Jahre Wildstyle. Charlie Ahearn der Regisseur war auch mit an Board, aber er kiffte nicht.
Busy, Truth und ich waren dafür um so gieriger, als wir nach zwei Stationen in fucking Bayern endlich wieder im freien Berlin aufschlugen. Tourmanager-Regel Nummer 1: Wenn du Menschen mitdunkler Haut im Wagen hast, sieh dich bei bayrischen Bullen vor – sie sind allesamt Rassisten und werden dein Vehikel penibelst filzen. Also, immer vor Ort den Veranstlater bitten Tagesrationen zu beschaffen und dann nach Check Out am folgenden Tag aufs Gas treten, damit man den nächsten Gig erreicht, bevor der zu transportierende Künstler aufgrund Entzugserscheinungen unausstehlich wird und zickige Diva-Allüren an den Tag legt.
Also rief ich kurz vor Berlin bei meiner Haus- und Hof-Dealerin an, doch sie war nicht in der Stadt. Ich rief meinen Ausfall-Dealer an, aber auch der war nicht zu erreichen. Ich rief den Typen an, den ich nur einmal im Jahr anrufe, immer dann wenn Haus- und Hof- und Ausfall-Dealer nicht bestückt oder unabkömmlich sind, aber Pustekuchen. Was blieb mir also anderes übrig, als meinen Leuten das miese Park-Gras zu besorgen?!
Generell ist das Park-Gras total gestreckt, mit irgendeinem Dreck – Plastik oder Metall – besprüht, der es zwar schwerer und somit teurer verkaufbar, aber auch ungenießbarer macht. Der Keuchhusten nach durchrauchter Nacht ist wesentlich krampfiger. In den Park gehe ich also immer nur im absoluten Notfall. Wenn nichts mehr da ist, weil ich eigentlich aufhören wollte, ich niemanden erreiche, aber der Suchtdruck mächtiger als der Wille ist. Oder wenn ich halt amerikanische Gäste versorgen muss, die sonst unangenehm werden. So wie Busy.

Truth war zum ersten mal in Deutschland. Zum ersten Mal in Europa. Ja, zum ersten Mal außerhalb der USA. Für einen Mann Ende Dreißig ein intensives Erlebnis. Halb neugierig, halb die ängstliche Vorsicht hinter spöttelnder Arroganz versteckend, guckte er aus dem Autofenster. Besonders Berlin mit seinen kaputten Straßen, alten Laternen und abgeranzten Häusern war ihm nicht geheuer. »Dude, Germany freaks me out!« Das änderte sich, als er Kölns glanzpolierte Fußgängerzone betrat. »Man, people is richer here. I like this city!« Und vollends begeistert – aber auch wiederum respektvollen Abstand wahrend – war Truth von Christiania, dem besetzten Innenstadt Areal Kopenhagens. Das Schild über dem Tor: »You are now entering the European Union and leavin free Chrstiania« (oder ähnlich) nahm er für bare Münze. Die Dealer und Kiff-Devotionalien- Händler ließen ihn sprachlos. In Amerika undenkbar. Beziehungsweise nicht mehr denkbar. Denn es gab ja die offenen Drogenszenen in den USA. Aber die Präsidenten erklärten den Drogen den Krieg und New York wurde aufgeräumt. Und dann kam Truth in den Görli.
Ich kenne natürlich einige Kreuzberger, die von den Dealern genervt sind. Und das sind nicht nur zugezogene Gentrifizerungsschwaben (um hier mal ein abgegriffenes Klischees zu benutzen). Nein, das sind auch Kreuzberger Türken, die hier schon immer leben. Es nervt mich selber, wenn ich schon morgens um 11 auf dem Weg zum Kaffeetrinken ange-SSSt werde. »Hey, what’s up?« Pause. »Gras?« Einmal, noch ohne Kaffee im Blut und unterzuckert fuhr es genervt aus mir heraus: »Ey, wir finden es ja alle voll gut, dass ihr hier dealt! Ist wirklich ein toller Beitrag zur Gemeinschaft. Aber Alter, wenn ich Milch will, gehe ich in den Supermarkt und hole mir einen Liter für den Kaffee. Reicht ne Woche für den Kaffee. Lidl verkauft aber nicht mehr Milch, wenn mich der Kühlschrank an-SSSt: ›Ey, willst du Milch?‹. Wissen doch alle, wo sie euch finden können!« Die Jungs guckten erstaunt. »Sorry!« Geändert hat sich natürlich trotzdem nichts. Nach wie vor ist die Strecke durch den Park ein kleiner SSSt-Routenlauf – wenn mir dieses kleine Wortspiel erlaubt ist.
Im Ernst: Ich habe Respekt vor den Dealern! Stehen da bei Wind und Wetter, wahrscheinlich ohne Papiere, immer der Gefahr ausgesetzt von der Polizei gerazzt zu werden und bedienen die somnambulen Bedürfinisse von Grafikdesignern und Agenturmitarbeitern oder Skandinaviern auf einjährigem Dauer-Berlin-Urlaub. Das ist eine sozial wertvolle Tätigkeit! Und gefährlich ist sie auch, immerhin wurden letztes Jahr zwei der Händler erstochen aufgefunden. 500.000 Euro soll der Mann umsetzen, der das ganze Business kontrolliert. Und das allein im Görli!
Früher waren die Dealer immer in der Hasenheide. Da sind sie natürlich heute noch. Oben auf dem Hügel. Unten bei der Minigolf-Anlage sitzen ihre Kollegen und spielen Congas. Wenn die Polizei anrückt, um den Handel zu unterbinden, ändern die Trommler den Rhythmus und oben wissen sie bescheid: Stashen und flitzen!
Die Hasenheide hat Truth nicht gesehen. Aber die Trommler hätten ihm sicher gefallen.

 

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